oder: Wo man’s nicht denkt springt ein Hase auf
Cervantes Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt lebt von der einfältigen Größe ihres Helden, dem Zauber seiner Abenteuer, seinem närrischen Witz und seiner menschlichen Tiefe. Wer mit Don Quijote lacht und fühlt, hat ihn schon verstanden: Die Kunst liegt darin, ohne Ursache unsinnig zu sein.
| KLASSIKER- UND SOMMERTHEATER 1997/8 |
Inszenierung Mathias Schuh
Ausstattung Andrea Valasek
Musik Manfred Wambacher
Spiel Claudia Brunner, Rainer Plattner, Thomas Schächl, Mathias Schuh, Hildegard Starlinger, Markus Steinwender
Premiere 18. Juli 1997 Mildenburg, Miltenberg, Deutschland
Vorstellungen 14x im Juli/August 1997 in Österreich und Deutschland
Wiederaufnahme 18. Januar 1998 Theater Metropolis, Salzburg, Österreich
Vorstellungen 8x im Januar/Juli/August 1998 in Österreich und Deutschland
Technik Erich Posch und Stuart McKea
Kostümassistenz Andrea Schnarr
Produktionsleitung Sabine Haydl
Stück Mathias Schuh nach Cervantes
Grafik Christian und Markus Steinwender
Produktion die theaterachse
Mit Unterstützung von Henkell Sektkellerei, Salzburger Arbeiterkammer, Land Salzburg Kultur, Stadt Salzburg Magistrat, Salzburger Sparkasse
| PRESSEMEINUNG |
“Die Schauspieler ließen die Rollen so lebendig werden, daß die Zuschauer mit Lachen, Bedauern oder Klatschen instinktiv reagierten und so ihr Mitgefühl, ihre Aufmerksamkeit und ihre Freude am Spiel bekundeten.“ 
Bote vom Unter-Main, 22. Juli 1997
| PLAKAT |
Das Plakat zum Stück.
| STÜCK |
Die Bearbeitung des Regisseurs und Schauspielers Mathias Schuh legt ihren Schwerpunkt auf die wundervolle Sprache des Cervantes und dem beißenden Humor seiner Romanfiguren. Die Geschichte bleibt weitgehend am Original, so ist der Autor selbst ein Teil des Stückes. Er eröffnet das “Spiel seiner Gedanken” und läßt ihnen freien Lauf, doch als die Phantasie zu üppig wuchert, schreitet er ein und lenkt sie in die von ihm gewünschten Bahnen zurück. Die Abenteuer die “Don” und sein Stallmeister, in dieser Fassung eine Stallmeisterin, Sancha Pansa, durchlebt, sind weitgehend aus dem unbekannteren 2. Teil des Romans.
So bietet die Geschichte noch allerlei Überraschungen, wie die Reise nach Candaya auf dem hölzernen Pferd des Zauberers Merlin. Der Dorfpfarrer und der Neffe Don Quijotes versuchen erfolglos den traurigen Ritter von seiner irrenden Ritterschaft zu heilen. Sie verbünden sich mit der Herzogin, die sich allerdings nur gut unterhalten möchte und ihre üblen Spielchen mit Sancha und dem Ritter treibt. Auch sie scheitert an Don Quijotes Liebe zu seiner Herzensdame Dulcinea.
Besiegt wird Don erst durch den Autor selbst, Cervantes, der als Ritter vom silbernen Mond, Don im Duell niederwirft und ihn nach Hause befiehlt. Dort stirbt Don Quijote, doch nicht mehr als fahrender Ritter sondern, klaren Gedankens und Willens, als Gutsherr Alonso Quixano.
Ein temporeiches Stück mit vielen unerwartet Momenten und noch mehr Humor.
Der Stücktext ist in unserem Online-Shop erhältlich.
| PRESSEKRITIK |
Himmlisch-apokalyptischer Abgang im Regen
Don Quijote auf der Mildenburg - Neben der Burghof-Kulisse spielte das Wetter Theater
MILTENBERG. Die Abenteuer des »Ritters von der traurigen Gestalt« des Spaniers Miguel de Cervantes (1547 bis 1616) können in der Weltliteratur als das wirkungsvollste Werk nach der Bibel gelten, die vielen Parodien, Plagiate und Comic-Versionen gar nicht eingerechnet. Daneben beschäftigten sich viele Künstler, Musiker und Filmregisseure ausgiebig mit dem Stoff des irrenden Ritters, seines Dieners Sancho Pansa und dem Kampf mit den Windmühlen.
Das Salzburger Ensemble »Theaterachse« bediente sich am Wochenende in Miltenberg auf der Suche nach einem geeigneten Theaterstoff des weniger bekannteren zweiten Teils des umfangreichen Romans. Unter Regie des Schauspielers Mathias Schuh wurde die Literaturvorlage so aufbereitet, dass man einerseits recht publikumswirksam im Freien spielen konnte, andererseits aber der bilderreichen, faszinierenden Sprache mit ihrem teils schon ironisierend scharfsinnigen Hintergrund keinen Abbruch tat. Außerdem setzte das Ensemble auf den Burghof der Mildenburg als »Mitspieler«, der am großen Erfolg des Vorjahres mitbeteiligt gewesen war.
So durfte (musste) das Publikum an drei Abenden mitwandern, um die Szenen an typischen Schauplätzen zu erleben, die der Burghof in seiner einmaligen Schönheit als Voraussetzungen für ein lebendiges Theater im Freien so ausgezeichnet anbietet. Romantische Stimmung brauchte nicht künstlich erzeugt werden, auch wenn das Stück weit vor dieser Epoche entstanden ist. Das Rauschen der Bäume, ihre Umrisse und Wuchsarten, das Jagen der Schwalben und Mauersegler, vermischt mit ihren typischen Lauten, die Wolkenbewegungen über den alten Mauern und nicht zuletzt die freundliche Kulisse der Burggebäude im Kontrast zum Schatten des mächtigen Bergfrieds bildeten die ideale Kulisse für ein Ritterspiel eigener Art. Es fehlte nur noch das beruhigende »Gesicht« des Vollmonds. Der versteckte sich, als ahnte er die Hinterhältigkeit des Regengespenstes, das dem »Burgtheater« einen Streich spielen wollte.
Zunächst aber nahm alles seinen tragikomischen Verlauf. Der Zuschauer kämpfte mit sich, ob er den in seiner Art so liebenswert tölpelhaften und dann wieder mutigen, klugen und wortgewandten Don Quijote auslachen, bewundern oder bemitleiden sollte. Die Schauspieler, ihre Mimik und Gestik, ihre Ausdrucksweise und Sprachgestaltung ließen die Rollen so lebendig werden, dass die Zuschauer mit Lachen, Bedauern oder Klatschen instinktiv reagierten und so ihr Mitgefühl, ihre Aufmerksamkeit und ihre Freude am Spiel bekundeten.
In dieses Spiel hatte der Regisseur und Mitakteur Mathias Schuh einige Änderungen eingebaut, um dem Handlungsablauf Überraschungsnuancen zu geben. So wurde aus dem Sancho Pansa eine Sancha, was der verblendete Ritter trotz auffälliger Hinweise erst vor seinem Tode erkannte. Aus dem Herzog wurde eine Herzogin, die ihr neckisches Spiel mit Don Quijote trieb und ihn sogar zu verführen versuchte, um die Fantasie-Liebe zum Traumbild Dulcinea zu prüfen oder auch ad absurdum zu führen. Dies gelang ihr erst in der Schlussszene, als sie ihren Gesellen erschießt und den Ritter auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt. Sie tut alles im Einvernehmen mit dem Neffen des Ritters und seines Dorfpfarrers, die ihn mit allen ernsten und, als dies nichts fruchtet, mit allen möglichen bösen Spielen zur Vernunft bringen wollen. Ein besonderer Gag war die rasende Schafherde aus weißen Riesenluftballons mit Wollteilen, die den scheinfechtenden Ritter überrennen.
Die Schlussszene mit der Erlösung des Don Quijote von seiner Unsinnigkeit und seiner Rückkehr ins wirkliche Leben hätte so eindrucksvoll sein können, wenn nicht der große Regen mit Tücke eingesetzt hätte. Doch alle blieben.
Und so erlebten das Publikum und die Schauspieler einen wahrhaft himmlisch apokalyptischen Abgang, wie es die Regie nicht hätte besser vorgeben können: Im Scheinwerferlicht stieg wie im Triumph im hellen Gewand der Ritter durch die Regenschwaden die Treppe zum Bergfried empor wie ins himmlische Reich und entschwand hinterm Regenschleier von der traurigen Gestalt kein Spur mehr.
Allen Akteuren, voran Hauptdarsteller Thomas Schächl und seine Partnerin Hildegard Starlinger als wortgewandte Sancha, sei großes Lob gezollt. Der Regisseur hatte großartige Arbeit geleistet und in der Rolle des Cervantes den roten Faden der Erzählung gesponnen. Am Ende mit dem Schlussbeifall endete der Regen konnte die Premierenfeier im reizvoll beleuchteten Hof stattfinden ohne Regenschirm.
Bote vom Untermain, 22.07.1997
