Tränen der Heimat

Monodram von Lutz Hübner. Österreichische Erstaufführung

Claudia Schächl in Tränen der Heimat

Tränen der Heimat ist ein Stück über das Verhalten des einzelnen Menschen im Ausnahmezustand Krieg. Dieser hörspielartige, tragikomische Text erzählt auch vom Überleben des Einzelnen in der kollektiven Norm. Es ist ein faszinierendes Stück über Normen, deren Befolgung nicht zum Glück, sondern zur Krise und zum Bruch führt, weil sie genuin nicht weniger als die volle Unterwerfung und Abtötung alles Individuellen fördern.
Die theaterachse sieht dieses Projekt auch als einen medienübergreifenden Beitrag zu 60 Jahre Kriegsende und 50 Jahre Staatsvertrag.

LITERATUR- UND VOLKSTHEATER 2005/6

Inszenierung Markus Steinwender
Spiel Claudia Schächl

Premiere 04. Mai 2005 Linz | 12. Mai 2005 Salzburg
Wiederaufnahme 04. April 2006 Kleines Theater Salzburg

Radiopartner bei der Premiere Freier Rundfunk Oberösterreich (Radio FRO 105,0 Mhz)
Moderation Radio FRO Margarita Köhl
Team Radio FRO Veronika Leiner, Sandra C. Hochholzer
Technik Radio FRO Peter Müller, Manfred Wollner
Livestream Livestream der Premiere durch Radio FRO am 4. Mai 2005 - 20:00 Uhr

Produktionsleitung Thomas Schächl | Markus Steinwender
Verlag Hartmann & Stauffacher GmbH, Köln
Produktion die theaterachse Produktion und AK Kultur Oberösterreich
Mit Unterstützung von AK Oberösterreich Kultur, Land Oberösterreich, Stadt Linz, Land Salzburg und Stadt Salzburg

| PRESSEMEINUNG |

“Claudia Schächl stellt als einfache Schreinertochter Hilde die Rolle der “guten deutschen Frau” in Frage. Eine Vertreterin der so genannten Mitläufer - und doch nicht frei von Zweifeln. In der Regie von Markus Steinwender bringt sie eine beachtliche und sehr stimmige schauspielerische Leistung auf die Bühne. (..) Unbedingt anschauen!”
OÖ Krone, 6. Mai 2005

“Claudia Schächl bringt in der Inszenierung von Markus Steinwender die ganze Skala Hildes widersprüchlicher Gefühle zum Ausdruck - eine beeindruckende Leistung.”
Linzer Volksblatt, 6. Mai 2005

“Es ist ein beklemmendes Stück über einen Aspekt weniger oft thematisierter österreichischer (Claudia Schächls kraftvoller Dialekt passt haargenau!) Geschichte.”
drehpunktkultur Salzburg, 13. Mai 2005

| PRESSEFOTOS |

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| INHALT |

Ferntrauung, Möglichkeit zur Eheschließung in Abwesenheit (Personenstandsverordnung der Wehrmacht vom 17.10.1942). Zur Ferntrauung war die Willenserklärung des Soldaten vor dem Bataillonskommandeur erforderlich sowie spätestens nach 6 Monaten die Zustimmung der Braut beim zuständigen Heimatstandesamt. In Einzelfällen, z.B. bei Schwangerschaft, wurde die F. auch noch vorgenommen, wenn der Verlobte inzwischen gefallen oder vermisst war. Die Möglichkeit einer Ferntrauung ist in Österreich erst durch das Personenstandsgesetz 1983 beseitigt worden.

Im “Monodram” Tränen der Heimat versucht sich die Schreinertochter Hilde aus Kirchdorf an einem Oktobermorgen 1943 mitten im zweiten Weltkrieg in einem Funkhaus per Ferntrauung zu verheiraten. Schon den dritten Tag wartet sie im Radiostudio auf die Funkverbindung nach Przeskowje in Russland. Sobald die klappt, wird sie Kurt ihr Ja-Wort geben. Einige tausend Kilometer ist der SS-Mann entfernt, um, wie er es ausdrückt “Juden und Bolschewiken ihre gerechte Strafe zu erteilen”. Eine Ferntrauung, die per Volksempfänger überall zu hören ist, “deutschen Frauen in der Heimat und deutschen Männern an der Front Mut und Hoffnung macht”; - das war die Idee von Kurts Vater, Studienrat und fanatischer Nationalsozialist. Hilde selbst hätte sich ihre Hochzeit eigentlich anders gewünscht, so wie die, die sie als Kind im Dorf erlebt hat; aber - so meinen Kurt und sein Vater unisono - “man muss eben Opfer bringen für die Volksgemeinschaft”.

Doch die Verbindung zu ihrem Bräutigam Kurt, der an der Ostfront in Russland kämpft, kommt den dritten Tag hintereinander nicht zustande. Vielleicht ist er auch schon gefallen, jedenfalls ist die Braut die “blamierte”, die halbe Hochzeitsgesellschaft ist bereits abgereist.

Hilde ist keine von denen, die aufbegehren. Im Gegenteil. Sie legt das enge Normenkostüm bereitwillig an, lässt es sich von ihren Eltern, den Schwiegereltern in spe und dem kühlen Kurt zuschnüren, bis ihr schlicht die Luft wegbleibt. Sie ist still und fleißig, raucht nicht, schminkt sich nicht und strickt Socken für die deutschen Soldaten an der Ostfront, tut einfach alles, was Kurt von ihr verlangt. Das lange Warten auf die Trauung aber kann sie nicht ertragen. In quälender Erwartung der Funk- und Eheverbindung, die einfach nicht klappen will, öffnet sie den mitgebrachten Champagner, genehmigt sich einen Schluck und noch einen, lässt ihrer Seele freien Lauf. Am Ende ist die Flasche leer und Hilde ausgebrochen aus der Erwartung eines Lebens mit Kurt, seinen Briefen voller Ermahnungen, seinen Grobheiten und verletzenden Späßen und seiner Hoffnung auf “vier Söhne, die nach Helden aus deutschen Sagen heißen werden”. Sturzbetrunken zwar, aber dennoch endlich aufrecht verlässt die junge Frau das Studio und die Rollenerwartungen ihrer Umwelt. Endgültig gibt es für sie “kein Warten mehr, auf etwas, wonach ich keine Sehnsucht habe”.

Claudia Schächl in Tränen der Heimat
Claudia Schächl in Tränen der Heimat